The burdens of being upright

Kategorie: Gesellschaft

Grüne Brille

Am Anfang steht ein Tweet:

Entwicklung kann Reaktion und Gegenreaktion sein, Reflektion und Empathie mit denen, die sich nicht zu Schade sind ihre Themen zu verfolgen. So hat jeder so seine Schwerpunkte die sich sich je nach Lebenslage verändern können. Du versuchst nachhaltiger zu leben? Du versuchst Individualverkehr gegen umweltfreundlichen ÖPNV zu tauschen? Du versuchst Plastikverpackungen zu vermeiden? Du versuchst weniger Fleisch zu konsumieren? Die Liste an Verbesserungen für dich, deinem Umfeld, für die Natur und die Gesellschaft kann endlos lang sein. Und damit steigt auch der Druck die Dinge richtig machen zu wollen, oder die Ablehnung wenn die angestrebte Veränderung für dich zu tiefgreifend ist. Denn die Dinge zu verbessern heißt auch sich zurück nehmen zu können. Es ist undenkbar, dass alle Menschen auf der Welt die gleiche Menge an Ressourcen nutzt, wie wir es in Deutschland zum Beispiel machen. Uns muss klar sein, dieses Leben führen wir auf Kosten Anderer. Eine Kröte, die keiner von uns gerne schlucken mag.

Für mich ist die entscheidende Frage hier, gestehe ich mir das ein, oder wieviel Verantwortung bin ich bereit zu tragen? Unwissenheit schützt vor Strafe nicht, so sagt man, aber Unwissenheit bringt dein Gewissen eben nicht aus der Balance. Um es auf den obigen Tweet zu münzen, du kannst ja eine Nestlé-Produkt kaufen, aber dann unterstützt du eben die, die schon alles haben und diese Welt auch auf vielen Ebenen schlechter machen. Nestlé steht für Lebensmittelspekulationen, Austrocknung von Gebieten, Lobbyismus und andere skrupellose Geschäftspraktiken, Greenwashing und wenn es sein muss auch gegen das Grundrecht „Wasser“. Ich könnte sagen, damit habe ich nichts zu tun, aber als Kunde muss ich eben doch politische Entscheidungen treffen wenn ich die Berichte kenne. Ich versuche also auf die Produkte zu verzichten, aber wenn ich mal eine Flasche Wasser unterwegs kaufe und ich bemerke dass sie von Nestlé ist, dann ist das kein Weltuntergang. Denn dadurch verändere ich gewiss keine vorhandenen Strukturen noch zum negativen.

Ich habe mir eines vorgenommen. Den erhobenen Zeigefinger lasse ich jetzt weg. Er verhindert nichts, im Gegenteil, er schafft Gegenwehr wo Information sein sollte. Austausch sollte dazu genutzt werden sich zuzuhören, dafür Standpunkte klar zu machen und sich dadurch anzunähern. Niemand wird seinen Blickwinkel ändern, nur weil ich es sage. So funktionieren wir nicht.

Ja, das ganze hat Grenzen. Mit Nazis reden war und bleibt falsch. Der Markt regelt gar nichts. Whataboutisms lösen nie das Problem, sie verlagern es und weichen auf. Aber dann gibt es da noch die Bandbreite in der wir uns bewegen, egal ob Grünen- oder CDU-Wähler, wo es ok ist zu sein. Das muss ich erstmal akzeptieren, auch wenn es mir manchmal schwer fällt. Denn außerhalb meiner Bubble gibt es Sichtweisen die bei mir intrinsisch nicht vorkommen. Trotzdem haben sie eine Berechtigung. Einige sprechen davon offen zu sein, sie sind es aber nicht. Manche Interessen scheinen mir mittlerweile so partikular, so abgehoben in ihrer „Wir sind die Guten“-Mentalität, sie schaden obwohl sie gut gemeint sind. Weil sie diejenigen zurücklassen, die nicht hinterherkommen.

Liebe in Zeiten der Krise

Tennessee Williams hat sich an einem Flaschenverschluss für Nasenspray verschluckt und ist daran gestorben. Man bringt es kaum zusammen, Wie kann jemand, ausgezeichnet mit dem Pulitzerpreis, fähig Geschichte zu begleiten, dem geschriebenen Wort mehr Bedeutung zu verleihen als der Summe seiner Buchstaben, an so etwas banalem zu Grunde gehen?
Ich muss daran denken, was gerade passiert. Mein Innen ist nur ein weiteres Äußeres. Krise in und um mich herum. Ich sehe Menschen, die Zahlen interpretieren, als hätten sie noch nie etwas anderes gemacht. Sehe Menschen, die behaupten, es sei Pflicht aus diesem Lockdown mit einer weiteren Fähigkeit rausgehen zu müssen. Internalisierter Neo-Liberalismus Galore. Ich will mich niemandem mehr anbiedern, zu partikular scheinen mir die Interessen und Begehre des Einzelnen. Es ist ein hehres Ziel etwas ganzheitlich sehen zu wollen, und doch versuche ich es manchmal, um mich dann in den Ausprägungen der Aussagen zu verfangen und dann am Ende doch wieder meinem Bauchgefühl zu folgen.

Und dann trifft es mich. Kannst du noch mithalten? Oder hast du jetzt die Seite gewechselt, hin zur Milde, hin zu dem was Abstand sein will. Jede Diskussion entbehrt schnell der Richtung, alle verlieren sich, verlieren den Fokus, spalten sich auf in die Ego-Perspektive. Da ist diese Verschiebung hin zur Empörung ohne Gleichgewicht. In den Kritiken legen nicht selten Arroganz, Privilegien und der Schrei aus dem Elfenbeinturm die Basis für das was man für alle behauptet. Aber wir sind zersprengt, eine heterogene Gesellschaft deren Anliegen häufig weit auseinander liegen. Das sollte mal wirklich aufgenommen werden in das eigene System! Lasst die anderen Leben! Wenn es Schnittmengen gibt bei denen man sich einigen muss, dann sucht den Kompromiss, nicht die Auseinandersetzung als Selbstzweck. Diese Auseinandersetzungen sind so unglaublich Moralgetränkt geworden, es ist kaum noch auszuhalten. Ja, du bist der bessere Mensch, aber jetzt lass uns trotzdem einigen!

Liebe in Zeiten der Krise bedeutet also den Williams in dir zu akzeptieren. Wir sind gut, wir sind schlecht. Und alles dazwischen. Behauptet nicht immer, ihr wüsstet alles. Ich weiß ein paar Dinge, aber die meisten eben auch nicht.

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