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Die Jugend 2021

Jugendliche 2021 verstehe ich nicht. So weit, so normal für einen 45-Jährigen. Ich habe zwei Kinder, 15 und 17 Jahre, eigentlich also Menschen, die mir die Jugend näher bringen könnten. Dabei bin ich gefühlt gar nicht soweit entfernt, viele Emotionen und Verhaltensweisen der jetzigen Gen Z sind mir bekannt, ich denke, ich habe oberflächlich Einblick in was sie bewegt. Trotzdem bleibt das Gefühl dabei zuzusehen wie die Generation mit sich kämpft. Das gab es schon immer, und doch wirkt es ernsthafter im Moment.

Sicher, Gen Z, die Geburtenjahrgänge ab 2000, erscheinen oberflächlich als Krisenkinder, 9/11, DotCom-Blase, Immobilien/Banken-Krise, Flüchtlingskrise und die alles überschattene Klimakrise. Aber Krisen gab es schon immer. Der Unterschied ist die Informationsvielfalt, Coping Mechanismen scheinen in den Vordergrund gerückt zu werden. Laut einer Studie der WHO ist das Wohlbefinden der Jugendlichen zwischen 2014 und 2018 zurück gegangen und die Pandemie hat laut neuester Erkenntnisse diesen Effekt noch mal verstärkt. Dafür verantwortlich natürlich sind in diesem Fall fehlende soziale Kontakte, zu wenig Sport, fehlender Zugang zu Online-Angeboten, häufigere Spannungen in Familien und die zunehmenden Sorgen von Erwachsenen. Es wurde also noch mehr auf soziale Medien gesetzt als vorher, wobei die Gleichung stärkere Mediennutzung = mehr psychische Probleme keine Allgemeingültigkeit hat, aber negative Effekte sind durchaus zu beobachten. Jugendliche mit wenig Selbstwertgefühl erfahren durchaus eine Verschlechterung ihrer mentalen Konstitution bei starker Nutzung wie eine Metadatenstudie zeigt.

Es gibt sie also, die „mental imbalance“ bei der Gen Z, aber wie damit umgehen? Was hält sie denn davon ab ihre Jugend zu genießen? Ich möchte das Problem greifen können. Die Veränderungen durch die Netzwerkgesellschaft haben wir doch im Groben verstanden. Bietet das kapitalistisch globalisierte Grundsystem einfach keine Perspektive mehr die Bedürfnisse im Informationsalter zu decken? Braucht es wieder Gemeinschaftsstrukturen die von Individuum hin zum Kollektiv Bedürfnisse der Verbundenheit bieten können? Vielleicht haben wir ja den Fokus zu sehr auf die globale Struktur gelenkt, das ist nicht falsch, denn wir sind jetzt stark verwoben mit den Entwicklungen auf der Welt, aber wir funktionieren als Mensch doch in den kleinen Strukturen vor Ort. Der Spruch „think globally, act locally“ ist vielleicht doch nicht veraltet und braucht wieder mehr Zuwendung. Ich will ihnen immer zu sagen: Alles wird gut! Nur scheinen sie es nicht hören zu wollen. Bin offen für Vorschläge.

„And I’m so sick of 17
Where’s my fucking teenage dream? If someone tells me one more time
„Enjoy your youth, “ I’m gonna cry, And I don’t stick up for myself
I’m anxious and nothing can help, And I wish I’d done this before
And I wish people liked me more, All I did was try my best
This the kind of thanks I get? Unrelentlessly upset (ah, ah, ah)
They say these are the golden years, But I wish I could disappear
Ego crush is so severe, God, it’s brutal out here“ – Olivia Rodrigo „brutal“

Grüne Brille

Am Anfang steht ein Tweet:

Entwicklung kann Reaktion und Gegenreaktion sein, Reflektion und Empathie mit denen, die sich nicht zu Schade sind ihre Themen zu verfolgen. So hat jeder so seine Schwerpunkte die sich sich je nach Lebenslage verändern können. Du versuchst nachhaltiger zu leben? Du versuchst Individualverkehr gegen umweltfreundlichen ÖPNV zu tauschen? Du versuchst Plastikverpackungen zu vermeiden? Du versuchst weniger Fleisch zu konsumieren? Die Liste an Verbesserungen für dich, deinem Umfeld, für die Natur und die Gesellschaft kann endlos lang sein. Und damit steigt auch der Druck die Dinge richtig machen zu wollen, oder die Ablehnung wenn die angestrebte Veränderung für dich zu tiefgreifend ist. Denn die Dinge zu verbessern heißt auch sich zurück nehmen zu können. Es ist undenkbar, dass alle Menschen auf der Welt die gleiche Menge an Ressourcen nutzt, wie wir es in Deutschland zum Beispiel machen. Uns muss klar sein, dieses Leben führen wir auf Kosten Anderer. Eine Kröte, die keiner von uns gerne schlucken mag.

Für mich ist die entscheidende Frage hier, gestehe ich mir das ein, oder wieviel Verantwortung bin ich bereit zu tragen? Unwissenheit schützt vor Strafe nicht, so sagt man, aber Unwissenheit bringt dein Gewissen eben nicht aus der Balance. Um es auf den obigen Tweet zu münzen, du kannst ja eine Nestlé-Produkt kaufen, aber dann unterstützt du eben die, die schon alles haben und diese Welt auch auf vielen Ebenen schlechter machen. Nestlé steht für Lebensmittelspekulationen, Austrocknung von Gebieten, Lobbyismus und andere skrupellose Geschäftspraktiken, Greenwashing und wenn es sein muss auch gegen das Grundrecht „Wasser“. Ich könnte sagen, damit habe ich nichts zu tun, aber als Kunde muss ich eben doch politische Entscheidungen treffen wenn ich die Berichte kenne. Ich versuche also auf die Produkte zu verzichten, aber wenn ich mal eine Flasche Wasser unterwegs kaufe und ich bemerke dass sie von Nestlé ist, dann ist das kein Weltuntergang. Denn dadurch verändere ich gewiss keine vorhandenen Strukturen noch zum negativen.

Ich habe mir eines vorgenommen. Den erhobenen Zeigefinger lasse ich jetzt weg. Er verhindert nichts, im Gegenteil, er schafft Gegenwehr wo Information sein sollte. Austausch sollte dazu genutzt werden sich zuzuhören, dafür Standpunkte klar zu machen und sich dadurch anzunähern. Niemand wird seinen Blickwinkel ändern, nur weil ich es sage. So funktionieren wir nicht.

Ja, das ganze hat Grenzen. Mit Nazis reden war und bleibt falsch. Der Markt regelt gar nichts. Whataboutisms lösen nie das Problem, sie verlagern es und weichen auf. Aber dann gibt es da noch die Bandbreite in der wir uns bewegen, egal ob Grünen- oder CDU-Wähler, wo es ok ist zu sein. Das muss ich erstmal akzeptieren, auch wenn es mir manchmal schwer fällt. Denn außerhalb meiner Bubble gibt es Sichtweisen die bei mir intrinsisch nicht vorkommen. Trotzdem haben sie eine Berechtigung. Einige sprechen davon offen zu sein, sie sind es aber nicht. Manche Interessen scheinen mir mittlerweile so partikular, so abgehoben in ihrer „Wir sind die Guten“-Mentalität, sie schaden obwohl sie gut gemeint sind. Weil sie diejenigen zurücklassen, die nicht hinterherkommen.

Liebe in Zeiten der Krise

Tennessee Williams hat sich an einem Flaschenverschluss für Nasenspray verschluckt und ist daran gestorben. Man bringt es kaum zusammen, Wie kann jemand, ausgezeichnet mit dem Pulitzerpreis, fähig Geschichte zu begleiten, dem geschriebenen Wort mehr Bedeutung zu verleihen als der Summe seiner Buchstaben, an so etwas banalem zu Grunde gehen?
Ich muss daran denken, was gerade passiert. Mein Innen ist nur ein weiteres Äußeres. Krise in und um mich herum. Ich sehe Menschen, die Zahlen interpretieren, als hätten sie noch nie etwas anderes gemacht. Sehe Menschen, die behaupten, es sei Pflicht aus diesem Lockdown mit einer weiteren Fähigkeit rausgehen zu müssen. Internalisierter Neo-Liberalismus Galore. Ich will mich niemandem mehr anbiedern, zu partikular scheinen mir die Interessen und Begehre des Einzelnen. Es ist ein hehres Ziel etwas ganzheitlich sehen zu wollen, und doch versuche ich es manchmal, um mich dann in den Ausprägungen der Aussagen zu verfangen und dann am Ende doch wieder meinem Bauchgefühl zu folgen.

Und dann trifft es mich. Kannst du noch mithalten? Oder hast du jetzt die Seite gewechselt, hin zur Milde, hin zu dem was Abstand sein will. Jede Diskussion entbehrt schnell der Richtung, alle verlieren sich, verlieren den Fokus, spalten sich auf in die Ego-Perspektive. Da ist diese Verschiebung hin zur Empörung ohne Gleichgewicht. In den Kritiken legen nicht selten Arroganz, Privilegien und der Schrei aus dem Elfenbeinturm die Basis für das was man für alle behauptet. Aber wir sind zersprengt, eine heterogene Gesellschaft deren Anliegen häufig weit auseinander liegen. Das sollte mal wirklich aufgenommen werden in das eigene System! Lasst die anderen Leben! Wenn es Schnittmengen gibt bei denen man sich einigen muss, dann sucht den Kompromiss, nicht die Auseinandersetzung als Selbstzweck. Diese Auseinandersetzungen sind so unglaublich Moralgetränkt geworden, es ist kaum noch auszuhalten. Ja, du bist der bessere Mensch, aber jetzt lass uns trotzdem einigen!

Liebe in Zeiten der Krise bedeutet also den Williams in dir zu akzeptieren. Wir sind gut, wir sind schlecht. Und alles dazwischen. Behauptet nicht immer, ihr wüsstet alles. Ich weiß ein paar Dinge, aber die meisten eben auch nicht.